Ein Jahr

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor einem Jahr mussten wir Carlos gehen lassen. Das Vermissen ist ein ungeheurer Schmerz, der uns jeden Tag begleitet. Zu lernen, diesen anzunehmen, auszuhalten und in unsere Leben zu integrieren, ist unsere Herausforderung. Dies im Widerspruch zum natürlichen Drang, Harmonie herzustellen. Doch die Dissonanz der Trauer bleibt, sie löst sich nicht auf. Das Ziel ist es, irgendwann wieder Glück zu empfinden. Der Weg dahin ist unbestimmt. Als ob wir einen Langstreckenlauf angetreten sind, ohne zu wissen, wie lange die Strecke ist. Das Einteilen der Kräfte ist schwierig und die emotionale Belastung zehrt unerbittlich an der Substanz.

 

Viele von euch vermissen Carlos, denken an ihn und spüren den Verlust. Es freut mich, wenn ihr mit ihm verbunden bleiben könnt. Das Leben geht für euch weiter. Geniesst jeden Moment. Für uns steht die Welt still, auf seltsame Weise.

 

War es schon Winter, schlugen die Bäume Blüten, sind die Tage lang oder schon wieder kurz? Ist ein Jahr vergangen, erst eine Woche, oder waren es vielleicht doch schon viele Jahre? Die Zeit hat sich aufgelöst, da wo ich bin. Durch das feine Gewebe des Kokons erhasche ich verschwommene Bilder, höre gedämpfte Stimmen und Geräusche. Da draussen gibt es Leben. Ich hör mich atmen, meine Gedanken in Zeitlupe. Metamorphose, sage ich mir, irgendwas wird Entstehen, werde ich sein. Irgendwann. Irgendwann. Irgend. Wann.

 

Carlos fehlt so sehr. Seine Wärme, seine Stimme, sein Lachen, seine Umarmungen, sein Humor, sein in sich selbst Ruhen. Ich lass mich täglich von ihm inspirieren. Unterscheiden zwischen Schein und Sein; Annehmen, was ist; im Moment bleiben. Der Blick nach vorne ist verschwommen, macht oft Angst. Alles zu seiner Zeit – eine Redewendung, die mich begleitet und in meinem Handeln leitet. Dass Carlos Malena seine Werte und Haltungen mit auf den Weg geben konnte, ist wunderschön. Täglich gibt es Momente, da fragt sie mich, was Papa jetzt wohl gesagt hätte. Ich höre seine Kommentare immer. Er ist sehr präsent in uns.  

 

Carlos hat seine Mutter verloren, als er 16 Jahre alt war. Er erzählte mir, dass er immer wieder fragte, „warum?“. Und irgendwann die Frage änderte: „Warum nicht?“. Niemand von uns ist gefeit vor Unglück. Manchmal ertappe ich mich beim Gedanken, ob wir alle ein „Glücksbudget“ haben und unseres einfach aufgebraucht war? Ich bin dankbar, dass ich das Glück, so lange ich es hatte, als solches wahrnehmen konnte. Und ich bin zuversichtlich, dass wir immer öfters kleine Glücksmomente finden und in unsere Schatztruhe legen können. Oder wie Züriwest es sagt: Irgendeinisch findts Glück eim.

 

Es ist für unser Umfeld schwierig, uns in dieser Trauer zu (er-)tragen. Ich danke allen von Herzen, die mit auf unserem Weg bleiben. Viele fragen, was uns guttut: Die Welt da draussen scheint weit entfernt. Wenn ihr uns die Hand reicht, um daran teil nehmen zu dürfen, ist das ein grosses Geschenk. Ihr stört nie! Ich freue mich, wenn es an der Tür klingelt, jemand zum Kaffee vorbeikommt, wenn Kinder Malena zum Spielen holen oder sie einen Tag lang mit jemandem etwas unternehmen darf. Wenn jemand anruft, wenn wir spontan an eine Veranstaltung mitgehen oder einfach an einen Tisch sitzen und mitessen dürfen. Und wenn wir grade die Energie nicht haben, dann freuen wir uns, wenn ihr nicht aufgebt. Danke, dass ihr uns nicht vergesst.

 

Dieses erste Jahr ist geschafft. Ich hoffe sehr, dass uns dies Erleichterung bringt. In den letzten Wochen haben wir den Countdown um Carlos Leben nochmals sehr intensiv erlebt. Heute vor einem Jahr um 18 Uhr hielten wir seine Hand, als die Maschinen abgestellt wurden. Malena spielte Flughafengeräusche und den Start eines Flugzeuges als Soundtrack für seine letzte Reise. Wir wissen nicht, wohin die Reise ging, aber sicher war es für ihn zu diesem Zeitpunkt eine Erleichterung, seinen Körper verlassen zu können. So lange hatte er gekämpft und alles gegeben, um bei uns zu bleiben.

 

Wenn wir ihn in unseren Herzen behalten, uns alleine oder gemeinsam in Gesprächen an ihn erinnern, wird er immer ganz nah sein. Hier findet ihr viele Bilder, seine Videos und Musik: Recuerdos

 

Alles Liebe

Andrea

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