DAS IST GESCHEHEN

Wenige wissen, woran Carlos gestorben ist, die Frage stellt sich aber natürlich. Weil es zu schmerzhaft ist, dies zu erzählen, schreibe ich es hier nieder.

 

Im Juni, als die Corona-Fallzahlen auf einem Tiefststand waren, steckten wir uns an, als wir Besuch bekamen. Wir hatten immer Vorsichtsmassnahmen getroffen. In diesem Fall gingen wir davon aus, dass wir sicher sind, weil die Person vor Kurzen einen PCR-Test gemacht hatte. Wir wollten mit dem Impfen warten bis zu den Sommerferien, wenn wir Zeit und Ruhe haben.

Covid schlägt zu

Carlos kam anfangs Juli in den Luzerner Kantonsspital mit einer schweren Lungenentzündung. Er war vorher gesund und hatte keine Vorerkrankungen. Wir wurden zuvor vom Notfall im St. Anna-Spital und auch vom Hausarzt "abgewimmelt". Bis wir endlich selber entschieden, dass er medizinische Unterstützung braucht, war die Entzündung schon massiv fortgeschritten. Wir hatten Glück: Nach zwei Wochen war Carlos auf dem Weg zur Genesung und wurde in eine Rehabilationsklinik in Davos entlassen. Wir besuchten ihn dort eine Woche lang jeden Tag. Die Entspannung dauerte nicht an, der Sauerstoffbedarf wurde höher. Ende Juli wurde er mit der Ambulanz  wieder in den Luzerner Kantonspital transportiert. Er war guten Mutes, blieb stets im Moment, hatte keine Angst, trainierte täglich und profitierte von seiner mentalen Stärke. Trotzdem verschlechterte sich sein Zustand. Man stellte fest, dass er in Folge der Entzündung eine starke Fibrose entwickelt hatte. Das sind Vernarbungen in der Lunge, die den Sauerstoffaustausch erschweren oder gar verhindern. Diese Vernarbungen wurden immer mehr.
 

Hoffnung Lungentransplantation

Wir wurden auf die Möglichkeit einer Transplantation aufmerksam gemacht, sollte sich der Zustand nicht bessern. Lange waren wir überzeugt, dass die Heilung eintreten wird. Doch Carlos brauchte immer mehr Sauerstoff und wurde schliesslich am 20. Juli auf die Intensivstation verlegt. Es wurden Abklärungen gemacht, ob er sich für eine Lungentransplantation eigenen würde. Die Ärtzt*innen gaben uns zu verstehen, dass sie nicht mehr von einer Besserung ausgehen.

Solidarität

Immer mehr Menschen wussten von unsererm Kampf zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Leben und Tod. Unzählige zündeten jeden Abend um 21 Uhr eine Kerze an, beteten, wünschten, schickten Energie und Liebe. Wir wurden in diesem Sturm begleitet und haben ganz viel Solidarität erfahren von Freund*innen und Famlie. Liebe Menschen übernachteten bei uns, brachten Essen vorbei, halfen mit, Malena zu betreuen, während ich bei Carlos im Spital war, spendeten Trost und Zuversicht.

Zwischen Leben und Tod

Ende August wurde Carlos dann per Helikopter an die Universtitätsklinik Zürich verlegt und für eine Lungentransplantation gelistet. Mit der für den Transport nötigen Intubation verschlechterte sich sein Zustand so sehr, dass er an eine Herz-Lungenmaschine (ECMO) angeschlossen werden musste, um sein Blut ausserhalb des Körpers mit Sauerstoff anzureichern. Die vielen Medikamente und die Abhängigkeit von Maschinen führten bei Carlos zu Halluzinationen und Panikattacken. Nach 10 Tagen beschloss man, ihn in ein künstliches Koma zu versetzen. Von einem Moment auf den anderen konnten wir nicht mehr kommunizieren. Das war sehr schmerzhaft. Das Letzte, was er mir sagte, war "te amo".

 

Carlos schaffte es, keine weiteren Komplikationen zu entwickeln. Infekt oder Nierenversagen gehören zu den üblichen Folgeerscheinungen an der ECMO. Er blieb stark. Ich sammelte Audios mit Anektoden von Familie und Freund*innen aus Argentinien und aus der Schweiz, damit er mit dem Leben verbunden bleibt. Wir besuchten ihn täglich. Fussmassagen, Musik, Singen, Erzählen, ruhig die Hand halten. Jeden Morgen schickten Malena und ich  ihm einen fröhlichen Morgengruss, damit er sich fühlen kann, als würde er mit uns beim Frühstück sitzen. Mein Bruder Dani, Nacho und Priska übernahmen Besuche, damit ich auch ab und zu einen Tag mit Malena verbringen konnte und waren bei wichtigen Gesprächen im Spital dabei.

Der Krieger, el Guerrero

Die durchschnittliche Wartezeit bei einer sogenannten Urgent-Listung sind 2-3 Wochen. Die Wochen vergingen. Unerträgliche Nächte, Tage, Stunden. Dieses Bangen und Hoffen, das Ringen um Zuversicht, die grosse Anteilnahme der vielen Menschen, die Carlos so gerne hatten. Immer wartete ich auf den Anruf, dass ein passendes Organ gefunden worden sei. Doch keine Lunge kam. Nach fünf Wochen teilte man uns mit, Carlos Lunge sei sehr rasch geschrumpft. Man hegte erste Zweifel, ob überhaupt noch eine Lunge Platz hat, die in seinen verengten Brustkorb passt. Carlos blieb stark. Im künstlichen Koma konnte er sich nicht bewegen. Er wurde immer weniger, die Muskeln schwanden. Doch er lag da wie ein Krieger, der bereit ist, alles zu geben. Harrte aus. Die Medikamente wurden geändert und er konnte wieder wach werden, ohne in Panik zu geraten. Bewegen konnte er sich nicht wegen den Medikamenten und weil er schon so lange bewegungslos war. Doch wir etablierten in den letzten Tagen seines Lebens eine Kommunikation durch Bewegen der Augenlieder für Ja und Nein. 

We lost the battle

Am 3. Oktober wurde uns mitgeteilt, dass Carlos nicht mehr transplantierbar sei. Dass er nach einer Operation nicht mehr aus der Intensivstation raus käme. Man wollte ihm weiteres unnötiges Leiden ersparen. Auf einen Schlag mussten wir und er von Hoffen auf Verabschieden umstellen, vom Kampf für sein Leben auf Akzeptanz von Tod. In der Schweiz gibt es viel zu wenige Organspenden. Das hat mit der Gesetzeslage zu tun. Würden wir in Spanien oder Österreich wohnen, hätte es Carlos ziemlich sicher geschafft.

Der Abschied

Wir mussten uns verabschieden. Es ging dann alles sehr schnell, zu schnell. Alles unwirklich, unsinnig, unerträglich. Trotz Trauer, Wut und Zweifeln wissen wir, dass dieser Schritt der Richtige war, das Carlos nach mehr als drei Monaten im Spital nun befreit ist. Bevor es so weit war, haben wir sein Zimmer mit Freunden und Musik gefüllt. Er ist am 7. Oktober weiter gereist - Malena, unser Kater Charly und ich haben ihn begleitet bis am Schluss. Viel habe ich gehört über die Seelen die bleiben, mit denen wir sprechen können. Doch die Seelen umarmen nicht, küssen nicht, spielen keine Gitarre, können weder kitzeln noch lachen. Es wird ein langer Weg.

Buenos Aires - Luzern

Gitarrenspielen und seine Familie waren Carlos Leidenschaft, die Musik sein Universum. Unsere Liebe hat ihn 2008 von Buenos Aires nach Luzern gebracht. Ein Teil seiner Asche wird hier in Luzern bleiben, den anderen Teil werden wir nach San Telmo zurück bringen. Wo wir hoffentlich bald auch im Kreise seiner Freunde und Familie noch Abschied nehmen werden. Für alle in der Ferne ist es besonders schwer, ihren "Chino" gehen zu lassen - es ist abstrakt und für viele auch unverständlich, dass in der "ersten Welt" Menschen an Covid sterben.

Plötzlich sind wir Teil der Statistik

In der Zeitung sehen wir täglich die Zahlen der Hospitalisierungen, Einweisung in die Intensivstation und die Todesfälle. Am Freitag, 8. Oktober waren es drei. Carlos einer von ihnen. Doch weiss ich jetzt, dass jede Hospitalisierung für die Patient*innen und Angehörigen extrem belastend ist. Die Krankheit ist so unerforscht, dass die Ärtz*innen nie sagen können "das kommt gut". Und jede Einweisung auf eine Intensivstation bedeutet, zwischen Leben und Tod zu pendeln. Ja, die statistische Wahrscheinlichkeit, mit 48 Jahren, gesund und ohne Vorerkrankungen an Covid zu sterben in der Schweiz ist nicht gross. Aber plötzlich ist man die Statistik. In der Schweiz sind bisher 11'157 Menschen an dieser Krankheit gestorben. Eine ungeheure Zahl. Diese Krankheit ist gefährlich und bringt so viel Leiden mit sich.  

Schlechtes Timing

Carlos zeichnet viel aus als Musiker. Eine seiner Stärken ist das Time, der Rhythmus. Dass ausgerechnet das Timing ihn nun im Stich gelassen hat, passt so gar nicht dazu. Kurz vor dem Impftermin angesteckt, die Covid-Zahlen auf dem Tiefststand, der Hausartz, der ihn abwimmelte, die wenigen zugelassenen Medikamente (in einem halben Jahr oder Jahr hätte er vermutlich gerettet werden können), das nicht rechtzeitige Auftauchen einer Spendenlunge und die Tatsache, dass voraussichtlich ab nächstem März mit dem gesetzlichen Paradigmenwechsel für Transplantationen die Wartezeiten viel kürzer sein werden.

Glücklichsein

Was an unserem Timing aber immer stimmte: Wir haben nichts aufgeschoben, haben Alben aufgenommen, Konzerte gegeben, waren 2016 ein halbes Jahr in Buenos Aires, 2019 für acht Monate musizierend von Kalifornien bis Salta unterwegs. Das Leben ist JETZT. Es lohnt sich, immer mal wieder eine "Bucket-Liste" zu machen und Glücklichsein als Messlatte zu etablieren. Dieses ist für uns nun weit weg, scheint unerreichbar. Nach den langen, steinigen und schmerzhaften Monaten liegen riesige Gebirge vor uns, die es zu erklimmen gilt. Wir sind begleitet von einer wunderbaren Seilschaft und undendlich dankbar für die grosse Unterstützung und die viele Liebe, die uns trägt.

Was bleibt

Ich erhalte täglich viele Kondolenzschreiben mit sehr persönlichen und berührernden Zeilen. Carlos hat das Herz so vieler Menschen berührt. Sein offenes Herz, seine Herzlichkeit, sein Lachen, seine Bescheidenheit, seine Art, die Welt zu sehen, seine Fähigkeit, den Moment zu leben, nach nichts zu streben, sondern einfach nur zu sein. Te amo.

Wo Carlos jetzt ist, weiss ich nicht. Aber ich stelle mir diesen Ort gerne vor wie die Saltzwüste von Uyuni, die wir staunend genossen und wo wir ein Lied sangen, das ich gerne mit euch teile (siehe unten).

Ich danke dem Supportnetz für die grosse Solidarität, der Gruppe Repente, die ein Lied für Carlos komponiert und gefilmt hat, der Gruppe Amigos y Famila aus Argentinien für die Gebete und gute Energie, meinem Bruder Daniel Huber, der stets an meiner Seite war, seiner Frau Chantal, meinen Eltern. Priska Lacolla und Philippe Kaiser, die mich medizinisch beraten und begleitet haben, meiner Nachbarin "Fee Fatima" und alle den anderen Menschen, die mitfühlen und mithelfen in dieser schweren Zeit. Und ganz besonders auch den vielen Pfelger*innen und Ärtzt*innen, die  mit viel Herz und Wissen für Carlos Leben gekämpft haben.

Andrea

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